Textkultur

Text + Kultur, Textkultur, Literatur und Kulturwissenschaftliches, Literaturtheoretisches, Literarisches, Kulturelles, Aktuelles

Mein Foto
Name:
Standort: Köln, NRW, Germany

4.10.05

Orpheus in der Unterwelt

So geschah es, dass Björn Moll sich aufmachte von Deutschland zu ziehen hinab. Hinab in den Süden, hinab in die andere Welt, hinab in die Unterwelt. Doch wohlan und keine Furcht, auch diesem Reich sollte getrotzt werden! Schlaff und stark ist es. Stark in seiner Strenge, seiner Unerbittlichkeit und dabei auch schlaff in disziplinarmer Fahrlässigkeit, Gleichgültigkeit gegen die Wirrnisse menschlicher Regung. Dies zeigte sich bei Björns erster Arbeit, er sollte eine Behausung finden. Nun ist die Unterwelt streng im Sinne einer Rücksichtslosigkeit aus Wettbewerb. Zögern ist gleich einer Niederlage und hier gilt nichts von wegen der Gütlichkeit gegenüber hilflosen Fremden oder einer Angelegentlichkeit zu deren Wohl. Sieh sich bloß einer den Anzeigenmarkt an! Sicherlich 85% der Wohnungsanzeigen sind ausschließlich auf Frauen gemünzt und gerade diesen Wesen, denen doch Wesentliches abgeht, woher der Kastrationskomplex des Männlichen rührt, breitet man rote Teppiche aus und hofiert sie in augenzwinkernder Freundlichkeit, hoffend auf die ein oder andere Wohltat von deren Seite. Und der Mann? Er muss umherlaufen, muss schwer arbeiten, „you have to break your bones“, meinte Francesco, ein italienischer Dachterrassenmitbewohner Björns ersten Aufenthaltsortes. Und hat man dann eine Unterkunft gefunden, werden die niederschmetterndsten Bedingungen gestellt: zwei Monatsmieten Kaution, kein Mietvertrag und keine Quittung! So entseelt und ernüchtert waren einem nach 5 schlaflosen Tagen und Nächten die Beine schwer und ein zufälliger Anruf eröffnet ungeahnte Möglichkeiten. Ein gewisser breitschultriger und wohlbeleibter Herr, italienischen Geblüts doch deutscher Herkunft, der diese beiden Anlagen verbindend auf deutschem Territorium in italienischem Gebiet, d.h. in der Botschaft, arbeitet, macht ein Angebot, das man nicht abschlagen kann. Jedoch wird Björn warten müssen bis sich der 20. Oktober antrifft, dann bezieht er sein Doppelzimmer gemeinsam mit dem getreuen Martin, seinem ständigen Begleiter, der nun auch sein Mitbewohner ist im sogenannten „Students Village“ auf dem Campingplatz. Das war nun alles ein wenig übereilt und das Zukünftige vorwegnehmend ohne recht auf das Gegenwärtige einzugehen. Eine chronologische Ordnung wird gut tun.
Am 26. September brach Björn Moll auf in die Unterwelt. Er kam zu strahlender Tageshelle an, doch innerlich tiefdunkel, denn die letzten Tage waren hart und schlafraubend gewesen, zudem auch ein wenig innerlich aufgeschmirgelt von der Unzahl an Verabschiedungen, die er alle gewollt, die ihn jedoch von mal zu mal mehr trafen, denn er musste eingestehen, nun aus der Welt zu sein und sich in den Erebos aufzumachen. Dieser gab sich her in Mimikry und als Hotel der Kategorie Bed & Breakfast mit 2 Sternen. Ein Ort, der nichts hatte und doch eine Dachterrasse bot und das war etwas Schönes angesichts der warmen Tage. Der erste Tag ward also verbracht mit diesen und jenen Besorgungen, aber es waren keine Besorgungen, die in die neue Welt einführten, sondern der alten noch hinterher hingen, Dinge, die von lange zu kaufen geplant waren und solche, die man schlichtweg vergessen hatte. Man kann also sagen, dass der erste Tag noch ein Abglanz des vorigen Lebens war und so schleppte sich auch alles mehr am Vergangenen hängend durch die Zeit und die Gefühle des Abschieds wuchsen umso mehr aus, je länger die Zeit voranschritt oder doch vielmehr zurückging, denn der reinen Abfolge her schritt sie zwar voran, doch vom Empfinden her versank sie nur immer mehr im Gestrigen und war somit eher eine falsche Zeit zu nennen.
Am 27. September machten sich Björn und der getreue Martin auf in die Schlacht um den Wohnungsmarkt. Dafür besorgte sich jeder eine Anzeigenzeitung und man telefonierte wild umher. Viele Absagen musste man einstecken. Keine Fremden wollte man oder keine Männer und es war alles in allem ein mehr schlechter als rechter Tag, wozu auch die Besichtigungen einiges beitrugen, da wurde versucht, Geschäft zu machen mit den Ausländern und die große Nachfrage an Wohnungen (so gibt es 200.000 Studenten in Rom) ließ wunderliche Angebote wachsen. Später erfuhr man dann noch, dass der Zahl an Wohnungssuchenden so viel war, dass das Mobiltelefonnetz (und Festnetzanschlüsse sind selten in diesem Land) morgens um 9 Uhr zusammenbrach. Abends kochte man dann und traf auf Francesco, eben jener, der den Tipp gab, sich die Knochen zu brechen und der den ein oder anderen hilfreichen Tipp für den Aufenthalt in der Stadt mitgab. Neben dem Hinweis auf die Unabdingbarkeit einer Vespa versuchte er eine neue Wohnungsquelle für uns zu erschließen und erzählte noch dieses und jenes über den italienischen Film und italienische Politiker.
Am 28. September kam die Befreiung. Ganz unerwartet und urplötzlich brach sie über Björn herein, aus dem Nichts kommend, da er gerade aus dem Nichts kam. Auf der Piazza Barberini, just der Metro entstiegen und nun alleine bloß mit dem Brunnen im heißen Getümmel in der Mitte der Straße stehend merkte er die Schönheit der Stadt. Er wurde ruhig. Er ging zur Universität und lernte Leute kennen, er ging abends zur Erasmus-Feier, doch diese entpuppte sich als Naherholungszentrum für koitusbedürftige Italiener, die den naiven Ausländerinnen nachstellten. Müde und kalt, denn die Nächte wurden zusehends kälter bis es jetzt auch die Tage wurden, kam er zu verspäteter Stunde zuhause an. An diesem Tag erreichte übrigens auch der Dritte im Bunde, David, der Glücksritter, dem alles zuzufliegen scheint und der umsonst in einer marmorgekachelten 100m²-Geitslichenwohnung leben darf, die Stadt.
Am 29. September arbeitete Björn. Er schrieb eine Hausarbeit mit dem Titel „Das Auge als Geschlechtsorgan. Erotische Blickstrategien in Thomas Manns ‚Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull’“ und sonst geschah nicht viel, außer dass es abends windig wurde und windig blieb, etwas kündigte sich an. Und während in Björn der Stress sich aufhäufte, so sammelte sich am und im Himmel etwas, das im Wind seinen Vorboten fand.
Der 30. September begann früh und voll wehmütiger Sorge, denn Samstagabend musste Björn einen Unterschlupf gefunden haben. Björn stand um 6 Uhr auf, um sich die Knochen zu brechen. Er besorgte sich eine Zeitung und einen Kaffee, denn der italienische Kaffee ist süchtigmachend und setzte sich auf die Terrasse. Geschlafen hatte er zwei Stunden, erst dann war die Arbeit am Krull geendet. Er setzte sich also, trank und rauchte. Gegen 8 Uhr in der Frühe machte er sich auf, um die Arbeit nach Deutschland zu schicken. Martin kam bald hinzu und man telefonierte. Dann ging es auf zu den Besichtigungen. Jeder hatte 7 Termine. Im Endeffekt wurden aus den 14 nur zwei, denn die eine Wohnung war doch gar nicht mehr echt auf römischem Stadtgebiet, der nächste Mieter änderte seine Meinung, als man in der Tür stand und wollte nur Frauen und man kam auch mal zu spät, denn in Rom braucht man gut und gerne drei Stunden um von einem zum anderen Punkt zu kommen, muss man sich auf die öffentlichen Verkehrsmittel verlassen. Im Endeffekt hatte man eine Wohnung, die man am nächsten Tag beziehen sollte. Sie lag zwar in einer Wohnbatterie, war aber ansonsten ganz hübsch und gut angebunden. So beruhigt, kochte man abends und lernte Leonard kennen, einen tansanischen Priester. Leonard ließ es sich gut gehen, aß unsere Pasta und danach noch eine mitgebrachte Truthahnkeule, trank zudem unseren Wein. Aber er erzählte die ein oder andere interessante Geschichte aus Tansania.
Der 1. Oktober dann war der erste Tag, an dem Björn sich Ruhe verschaffen wollte. Er ging an einen Ort, den er seit fünf Jahren immer schon erneut besuchen wollte, den Pincio-Park, und suchte dort die Büste, die er immer schon sehen wollte, diejenige Dantes. Er schleppte ein großes Gepäck mit sich umher und schlief unversehens im Park ein, doch niemand übte Übel auf ihn. Er telefonierte wegen der angekündigten Wohnung und bekam nur einen Verweis auf Sonntagabend. Er rief den deutschsprechenden Wohnungsvermieter an, der eine Unterbleibe leider erst ab dem 20. Oktober zu vermieten hat und besuchte ihn, in der Hoffnung, dieser kenne andere deutschsprechende Vermieter. In Wirklichkeit sollte sich der Mann, Bernardo, als Engel herausstellen. Die Wohnung war noch frei, man konnte aus dem Zimmer ein geräumiges Doppelzimmer machen und alles war erlaubt, zudem unglaublich gut gelegen und preisgünstig. Björn schlug zu und unterrichtete Martin. Alle waren erleichtert, es bleib jedoch weiterhin windig.
Am 2. Oktober setzte der große Regen ein, der volle 60 Stunden dauern sollte. Björn wohnte derweil im Zelt auf dem Campingplatz, doch Feuchtigkeit und allerlei Getier kroch in seine Bleibe. Aber der Junge bleib zufrieden und las und trank und schlief und trank und las.
Am 3. Oktober ließ man Björn im Regen stehen, einem starken, biblischen Regen und sein Organisationstalent war gefordert. Er mietete für sich und Martin ein Chalet, doch zunächst alleine, denn leider war dieser abgängig, eine Terrorübung hatte den gesamten Metro- und Busverkehr Roms lahmgelegt und der Getreue musste von Flughafen zum Campingplatz, was fünf Stunden dauern sollte. Doch dann zog man ein und wohnt dort seitdem. Es ist beruhigend und sicher, auch wenn bislang schon viel Geld ausgegeben werden musste, viel zu viel und am Ende könnte es eng werden. Doch zunächst lebt man so vor sich hin, scheint ein wenig der Welt abhanden gekommen auf diesem hermetischen Raum des Campingplatzes und harrt des 20. Oktobers, wenn es heißen wird: am 20. Oktober ging Björn durchs Gebirg...oder vielmehr in die Stadt.

Abonnieren
Posts [Atom]