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22.8.07

Verwandlungen

Als Björn Moll eines morgens in St. Louis erwachte, fand er sich in BJOERN Moll verwandelt. Und nicht nur das, irgendjemanden musste ihn verleumdet haben, denn statt 186 cm war er nun nur noch 6,01 Fuß groß und wog 160 Pfund – Letzteres schmeichelte ihm zugegebenermaßen ein wenig.
So ist es, neben dem unvermeidlichen Namenswechsel aufgrund fehlender Umlaute in diesem Land, wurde ich heute zumindest bevölkerungsstatistisch des metrischen Systems beraubt. Es ist schon fast ironisch: Ich komme mit sämtlichen Unterlagen in das für Identifikationsdokumente zuständige Büro, fühle mich perfekt vorbereitet, schmeiße in einer schon fast überlegenen Geste alle Papiere auf den Tisch, um damit auszudrücken: „Hah, noch einmal schickst du mich nicht weg.“ – und dann, als ich gefragt wurde, wie groß und schwer ich sei, verfalle ich in eine kurze Schreckstarre: „Oh mein Gott, die zählen hier ja anders.“ Stammelnd antwortete ich meine Maße im europäischen Standard, doch sie rollte nur die Augen, ließ mich stramm stehen, musterte mich und tippte dann etwas in ihren Computer ein. Die Größe hat sie sehr genau erraten, beim Gewicht jedoch ließ sie sich anscheinend von einem etwas weiten Hemd verführen und machte mich mal eben 15 Kilogramm leichter.
Damit habe ich aber auch einen internen Wettkampf gewonnen: Thomas Wortmann berichtete mir, er habe in den 10 Monaten St. Louis 15 Kilogramm abgenommen, ich habe das bereits nach 15 Tagen geschafft – Eat this!
Wo ich gerade beim Essen bin: Eine seltsame Verwandlung europäischer Küche in amerikanische Delikatessen erlebte ich gestern: Die örtliche Spezialität dieser Stadt sind frittierte Ravioli! Sie schmecken eigentlich ganz ordentlich und man kann sie gut als Beilage zu einem Bier kosten, denn sie werden mit einem Tomatendip serviert. Die Vorstellung jedoch an die Art und Weise der Zubereitung dieses Lebensmittels erzeugt in mir nur Grausen. Man kann es auch anders ausdrücken: Ich habe den Eindruck, als ob der Teil, den ich aus Italien mitgenommen habe, in diesem Gericht sinnbildlich entwürdigt wird.
Und dabei habe ich doch das schwere Erbe des vorbildlichen Europäers zu tragen. Zur Erläuterung: Hielt ich den Namen Björn bislang immer eher für eine Laune der Natur bzw. meiner Eltern, erfülle ich in den USA damit das Stereotyp des Europäers schlechthin. Denn bei der offiziellen Begrüßung der Graduate Students hatten sich schnell viele internationale Studenten zusammengefunden (aus Deutschland, Schweden, Serbien, Norwegen, Tschechien und der Türkei), doch auch ein Amerikaner war dabei. Er hatte mit sämtlichen Namen Probleme und als ich mich als Letzter vorstellte, dachte ich schon: „Jetzt kommt’s wieder: Den Namen buchstabieren und erklären, was es damit auf sich hat.“ – aber nein! Er antwortete einfach: „Ach, Bjoern. Ja, den Namen kenn ich. Das ist der typische europäische Name bei uns. Wenn wir wissen, dass jemand aus Europa kommt, aber nicht seinen Namen kennen, sagen wir einfach: Der heißt bestimmt Bjoern oder so.“
Auch wenn charmante Abfälligkeit in dieser Bemerkung steckte, denn anscheinend scheint der Name Björn eben so merkwürdig zu sein, dass er für Amerikaner am besten Europa repräsentiert, erhielt mein verwegenes Sendungsbewusstsein neuen Auftrieb – Ich bin also Europa!
[Notabene: Wo ich gerade diesen Satz benutze und damit leicht an Thomas Mann anspiele, fällt mir ein, dass die Buddenbrooks ja jetzt verfilmt werden. Heinrich Breloer und Armin Mueller-Stahl, die beide darum wetteifern, wer die Thomas-Mann-Imitatio besser betreibt, sind wieder mit von der Partie. Aber viel wichtiger finde ich dies: Jessica Schwarz spielt Toni Buddenbrook! Das ist großartig und ein Skandal zugleich! Ich finde die Besetzung wirklich gut und kreativ, andererseits habe ich mir Toni nie so hübsch vorgestellt. Ich bin da wohl zu sexistisch, aber ich dachte immer, dass eine von rauem Nordwind verwitterte, bourgeoise und ungemein naive Frau nicht so erotisch aussieht. Also das ist das Problem: Jessica Schwarz hat ja einfach ein sehr sinnliches Äußeres und Toni sitzt nur auf Steinen und drückt ihr Kinn in die Brust, aber ihre Figur ist ja in keinster Weise durch den Roman erotisch aufgeladen, sie wird vielmehr sogar von anderen Figuren dadurch abgehoben, dass diese attraktiver sind. Auf der anderen Seite finde ich das aber auch wieder gut, denn so wird mit dem klassischen Bildrepertoire des Romans gebrochen und das Sehen umgeschult.]
So wie Toni Buddenbrook sich in Jessica Schwarz verwandelt und Pasta in Frittiertes und ich durch den Verlust meines Umlauts in einen parademäßigen Europäer, sollten noch weitere Transformationen anstehen. Es ist allerdings ein befremdliches Gefühl, wenn sie nicht eintreten. Eben dieses Befremden spürte ich heute, als ich folgende Stelle aus einem bekannten Roman las (was damit auch die Blog-Lesefrucht der jetzigen Woche darstellt):

Ich habe heute einen Brief geschrieben, dabei ist es mir aufgefallen, dass ich erst drei Wochen hier bin. Drei Wochen anderswo, auf dem Lande zum Beispiel, das konnte sein wie ein Tag, hier sind es Jahre. Ich will auch keinen Brief mehr schreiben. Wozu soll ich sagen, dass ich mich verändere? Wenn ich mich verändere, bleibe ich ja doch nicht der, der ich war, und bin ich etwas anderes als bisher, so ist klar, dass ich keine Bekannten habe. Und an fremde Leute, an Leute, die mich nicht kennen, kann ich unmöglich schreiben.

Jetzt habe ich die ganze Zeit von Verwandlungen geschrieben, will aber in diesem Punkt darauf hinaus, dass ich damit nicht Veränderungen meine. Wenn Malte Laurids Brigge nach drei Wochen Paris sich schon völlig entfremdet hat, müsste ich nach zwei Wochen St. Louis ja ähnlich weit sein, doch ich bin es nicht, überhaupt nicht. Ich erspare mir jetzt spekulative Erklärungen für dieses Phänomen, denn Erklärungen können auch stören. Was mich mehr an dieser Stelle interessierte, war, dass es anscheinend den literarischen Versuch gibt, eine Auslandserfahrung topisch zu besetzen, wozu die schnelle Entfremdung gehört und dass meine Entfremdung darin besteht, dass ich diese klassische Entfremdungserfahrung nicht teile. Und das ist befremdlich!; vielleicht entferne ich mich innerlich von Europa doch mehr als ich zunächst dachte.
Soviel zu den Verwandlungen. Eine Sache noch: Seitdem ich diesen Bericht im Spiegel über ausgefallene Kindernamen gelesen habe, kommt mir der Name Lennox Tattanka-Tattonka nicht mehr aus dem Sinn. Welcher Mensch tut so etwas? Was soll das? Und ist der Name an eine Bestimmung geknüpft? Soll das Kind zu einer Kampfmaschine erzogen werden? Oder zu einem Kampfhund, denn seinen Hund könnte man auch gut so nennen?
Ich werfe schweigend mein Kinn in die Brust und werde meine eleganten 72 Kilo nun ins Bett bewegen.

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