Textkultur

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17.11.07

Italian Spiderman

14.11.07

Chicago, Teil 1

Chicago bedeutet „Land, das nach Zwiebeln stinkt“ und trägt den Spitznamen der windy city. Es ist eine bemitleidenswerte Vorstellung, denkt man an die Menschen, die in einer stinkenden Stadt leben, deren eklatanter Geruch durch einen besonders starken Wind durch die Straßen gepfiffen wird. Der Zwiebelgeruch hielt sich allerdings in Grenzen. Es gab dort Dinge, die ich aus Filmen kannte und die mir St. Louis bislang noch nicht bieten konnte. Vor allem fünf Dinge waren es: Die Wolkenkratzer; von Baustellen aufsteigender Dampf; öffentliche Verkehrsmittel, die durch Wolkenkratzerschluchten hindurchrasen; Diner und zur Straße hin verglaste Fernsehstudios, an denen sich jeder die Nase plattdrücken kann.
Nach Chicago kam ich mit dem Megabus, der eine viel komfortablere Reiseform darstellte als ich erwartet hatte, auf der Rückfahrt allerdings zur Vorhölle mutierte, als der unfreundliche Busfahrer in dem, merkwürdigerweise im Vergleich zur Hinfahrt viel enger erscheinenden Bus, die ganze Zeit Radio laufen ließ, der schwarze Sitznachbar seinen Hip-Hop-CD-Player immer lauter stellte, um das Radio zu übertönen und der schräg hinter mir am Gang sitzende Pimp im Schlaf seine zuckenden Füße an meinem Unterschenkel rieb. Und dennoch: Die Reise war bei weitem angenehmer als erwartet und verging auch recht schnell, so dass Chicago also jederzeit als Besuchsziel anvisiert werden kann. Vor allem, wenn einem die Fahrt durch Lektüre wie „Die Ringe des Saturn“ vergnügt wird.
Wir wohnten in einem sehr angenehmen Hostel im Norden der Stadt, wo sich auch der Diner befand, wie man ihn aus Anfangssequenzen von Tarantino kennt und wo ich auch heuchlerischerweise versuchte, ein Tarantino-Gespräch zu initiieren, was aber völlig misslang. Übrigens gab es dort free refill für Kaffee und Wasser, wobei das Wasser von echten mexikanischen Wasserträgern, die kein englisch sprachen, serviert wurde und der Kaffee von den Amerikanern, fast so, als käme der Kaffee aus Nordamerika. In diesem Hostel bezogen wir zu viert ein 5-Bett-Zimmer. Da ich im Rahmen meiner Lehrtätigkeit heute „Das Leben der Anderen“ schauen musste, kam mir die Idee, was geschehen wäre, wenn jemand im Dachboden oder Keller dieses Hostels gesessen und uns ausgehorcht hätte. Da wir eh nur zum Schlafen im Zimmer waren, wären die Berichte wohl nur kurz ausgefallen, aber dennoch würde ich diese Berichte gerne lesen. Wenn ich mir den genauen Wortlaut dieser Dokumente vorstelle, muss ich mir zuerst die Frage stellen, welchen Code-Namen man mir wohl gegeben hätte. Ich behaupte jetzt einfach „Ferdinand“, weil er mit Literatur zu tun hat, aber nur wenig mit mir. Ja, es wäre lustig, sich vorzustellen, wie die ganze Besetzung des Zimmers nach „Kabale und Liebe“ benannt worden wäre und jedes Zimmer nach einem Schiller-Stück. Der Schlafraum wäre dann sicherlich an Wallenstein orientiert gewesen. Das wären dann Einträge wie: „Freitag, 15:07. Ankunft der Personen. ‚Ferdinand’, ‚Miller’, ‚Milford’ und ‚von Walter’ beziehen ihre Bettstätten und unterhalten sich darüber, wohin sie denn gehen sollen. Sie kommen zu dem Gedanken, dass Chicago zwar eine Stadt ist, von der man denkt, sie gesehen haben zu müssen, aber nicht weiß, weshalb. ‚Ferdinand’ erzählt, dass er erst zweimal in einem Hostel wohnte und 4 Jahre lang nie in Urlaub fuhr. Er ist verwirrt, ob er seine Haustürschlüssel und seinen Pass mitnehmen soll. Er meint, dass es doch sicherlich tragisch wäre, wenn sie um die Ecke bögen, und dort sein Haus sei, er aber den Schlüssel im Hostel zurückgelassen hätte. Empfehle gesonderte psychologische Begutachtung von ‚Ferdinand’.“ Sicherlich sieht das tatsächlich verfasste Dokument unseres Abhörers anders aus, denn die Kunst der Archive der totalitären Macht besteht doch darin, keine Gedankengänge darzustellen und stets zu verallgemeinern. Aber ich nehme an, dass mein IM nicht einem totalitären Machtapparat entstammt.
Wo ich gerade bei Machtapparaten und Verallgemeinerungen bin: Je länger ich hier bin, komme ich immer mehr zu der Meinung, dass man extrem großflächige Länder nur durch aufgepropfte Ideologien regieren kann, die deshalb auch kein Rücksicht auf das Schicksal und Leben Einzelner nehmen können (aber in einigen Ländern kenne ich mich dafür zu schlecht aus, um es wirklich theoretisch verteidigen zu wollen).
Zunächst ging es in den Millennium Park, wo sich eine Bühne befand, an die sich ein Publikumsraum anschloss, der von geschwungenen Stahlstreben überdacht wurde, so dass man in der ganzen Anlage die Form eines Käfers sehen konnte. Dann gab es dort eine überdimensionierte verspiegelte Bohne, welche die ganze Skyline zurückwarf und ein wenig wie der Ankerpunkt außerhalb des eigentlichen Downtown-Gebietes wirkte, an dem die ganze Stadt hing und durch den sie hindurchgehen musste, um zu entstehen. Eine riesige geschwungene Brücke führte an den See, der so groß ist wie Kroatien und darum eher ein Meer. Der ganze Park hatte etwas Obszönes und ich wusste nicht, weshalb. In der Gruppe kam dann der schlaue Gedanke auf, dass der Park in seinen geschwungenen Formen und Bahnen als weiblicher Kontrapunkt zur phallischen Stadt konzipiert war und ich meinte, dass es womöglich diese ans Körperliche grenzende Darstellungsform des Weiblichen war, die mir so obszön erschien, als Verbildlichung der gerne vergessenen physiologischen Seite des Geburtsaktes. Die Bühne mit ihrem aufgewölbtem Panzer aus Stahl war dann auch kein Käfer, sondern eine Schwangere und die von diesem ausgehende Brücke der Geburtskanal. So merkwürdig waren die ersten Eindrücke von Chicago und wurden am See noch verstärkt, als wir eine leere Yacht-Anlegestelle passierten, an der jeder Stellplatz durch eine leuchtende Lampe markiert war, so dass ein ganzes Feld voller Lichter an den Stegen auf dem Wasser leuchtete wie ein großer Meeresfriedhof. Werden und Vergehen verfolgten uns auch weiterhin, als wir das Pier betraten und über die kalte, schneidende Luft in einem Gewächshaus Wärme suchten, das in einem herrlichen Witz aus der Gruppe als Brutstätte beschrieben wurde („Darf man denn da rein gehen?“ – „Nein, darf man nicht. Die Menschen gehen da nur raus. Die werden da geboren, aufgezogen und nach mehreren Jahren rausgelassen.“). Der Rest des Abends ist schneller erzählt als er geschah. Wir gingen bei einem Mexikaner essen, in dem wir viel zu lange saßen und viel zu laut lachten. Auf dem Heimweg trafen wir einen Amerikaner, der deutsch konnte (das Treffen basierte nur auf der Ukulelenspiel- und gesangskunst der üblichen Verdächtigen) und auf dem Weg in eine Karaoke-Bar war. Er nahm uns mit und dort trafen wir auf eine Gruppe sehr hässlicher, alter und dicker Frauen, die aber eine Riesenstimmung machten und sich selber als „the naughty school teachers“ beschrieben. Dann ging es nach Hause und mein IM konnte wieder etwas über mich schreiben: „‚Ferdinand’ führt kurzes Gespräch über den morgigen Tag und dass er unbedingt ins Art Institute will. Dann legt er sich hin, hört Musik und schläft.“

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