Textkultur

Text + Kultur, Textkultur, Literatur und Kulturwissenschaftliches, Literaturtheoretisches, Literarisches, Kulturelles, Aktuelles

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6.3.08

Nachgängige Traumata

Heute stand die nächste Vorlesung an. Diesmal war es Hans Medick, bekannter Göttinger Historiker und derzeit "Visiting Professor" an dieser Uni. Bei ihm habe ich auch einen Kurs, "The Thirty Years War revisited", und er hat sich eben auf genau diesem Feld als Mikrohistoriker, der Selbstzeugnisse einfacher Zeitgenossen auswertet, einen beachtlichen Namen gemacht.
Er berichtete von seiner Arbeit und deren methodologischen Grundlagen (dieser Vorlesung war nur die erste einer vierteiligen Vorlesungsreihe) und brachte auch einige Beispiele an Selbstzeugnissen.
Worauf ich aber hinaus möchte, ist etwas Anderes. Es ist gewissermaßen sogar mit Žižek verbunden, aber nur lose.
Zu Beginn des 30-jährigen Krieges stand ein Komet. Es gibt ausführliche Berichte über den Kometen von 1618 und viele Beobachter sahen ihn in der Rückschau als göttliches Zeichen für den kurz danach ausbrechenden, verheerenden Krieg. Aber es gibt eben auch viele Personen, die den Kometen schon vor Ausbruch des Krieges als Unstern interpretierten und ein Gottesgericht erwarteten. Der 30-jährige Krieg existierte als Phantasie also bereits in den Köpfen der Leute, bevor er tatsächlich eintrat. Man kann sogar so weit gehen und sagen, dass diese Leute den Krieg mit zu beginnen angefangen haben, weil sie ein Katastrophenszenario schon präformiert hatten und dieses von Ereignissen ausgefüllt werden musste. Es zeigt auch eine hochgradig paranoide Gesellschaft im Jahr 1618, nicht nur, aber besonders paranoisiert durch die Religion.
Das Interessanteste kommt aber noch: Zunächst (20 Jahre lang) las man alle Himmelserscheinungen und Naturphänomene noch als Prodigien und Zeichen des Gottesgerichts, doch nach Hunger, Krieg und Pest hörte das auf und die Leute fingen an, solche Ereignisse einfach nur noch zu registrieren und keine besondere Sache mehr daraus zu machen - das Trauma des Krieges hatte also die Phantasie überformt! Da ein Trauma ja Schutzdichtungen hervorrufen kann, welche dieses verdecken, gibt es hier die bemerkenswerte Situation, dass die Schutzdichtung vor dem Trauma steht und das Trauma dieser Dichtung nachgeht. Aber die Prophylaxe hilft nicht und wird von der Kriegserfahrung als reine Illusion entlarvt.
Die lebenpraktische Konsequenz, die sich daraus ergab, war, dass die Leute ihr Vertrauen in die Religion verloren und die Grenzen zwischen Freunden und Feinden fallen ließen. Da sie sowohl von eigener als auch anderer Seite Mißhandlungen erfahren hatten und die Kirche keine Erklärungsmodelle für das Leid bot, gab es eine Bewegung auch bei den einfachen Bürgern, den Krieg als Religionskrieg für sinnlos zu halten.
Aber es geht noch weiter: Medick wies auf einen Artikel der NY Times hin. In diesem wird beschrieben, wie die irakische Jugend sich von den Religionsführern abwendet, weil deren Erklärungsmodelle keine Deckung mit der enttäuschenden Gewaltwirklichkeit der letzten Jahre herstellen können, ja, sogar das Leid erst bewirken. Es gibt also eine verrückte Parallele zwischen dem Irakkrieg und dem 30-jährigen Krieg.
Verrückt ist sie vor allem, weil die Gewalt dann im Endeffekt eine Säkularisierung bewirken würde, während alle Kommentatoren genau das Gegenteil behaupten (so z.B. auch Žižek). Die nächste Frage, die sich daran anschließt, ist: Würde die Erfahrung des Irakkrieges im Irak dann etwas in Gang setzen, was in Deutschland und Europa nach dem 30-jährigen Krieg geschah, nämlich eine Emanzipation von alten Denkweisen und kulturelle und geistesgeschichtliche Weiterentwicklung? (Ob das im Irak mit den Nachbarn möglich wäre, bleibt doch zu bezweifeln...) Und wie könnte man dann noch gegen die doch so bescheuert anmutenden Meinung vieler "Falken" argumentieren, die behaupten, dass ein Krieg eine Reinigung der Gesellschaft unterstützt? Es ist doch fast unerträglich paradox, zu behaupten, dass man Leute durch den Krieg schicken muss, damit sie kriegsmüde werden und die Meinung an die guten Kräfte des Krieges aufgeben, was wiederum die guten Kräfte des Krieges beweisen würde. Das ist das berühmte "Fighting for peace is like fucking for virginity"-Thema. Oder sind diese Vorstellungen vom Krieg nicht auch gewissermaßen schutzdichtend nachwachsende Hyminis... (das ist der Plural von "Hymen", wie ich gerade herausfand)?

5.3.08

Leben nach Žižek

Heute war er da – Žižek! Seine Vorlesung wurde extra in ein anderes Auditorium verlegt, damit alle ihn auch sehen konnten – und man bekam etwas zu sehen; man bekam den Žižek zu sehen, den man sehen wollte: beleidigend („St. Louis and the fucking Arch“), relativierend („I don’t want to be obscene, but on 9/11 only about 3000 people died“), besserwisserisch („there are not only ‚known knowns’, ‚known unknows’ and ‚unknowns unknowns’, there are also ‚unknown knows’ and that is why you’re losing the war in Iraq“) und sonderbar religionskritisch und katholozismusfreudig zugleich („In the book Job God becomes blasphemic himself in saying „Your life is shit, but the rest of my creation is shit too.“ vs. „only in the catholic agape god asks the people for help to fulfil himself“).
Die Fragen, die Žižek bekam, spiegelten die verstörte amerikanische Begeisterung für ihn wieder: „Why are you politically so vague? Why don’t you just tell us what to do?“ und „How would you answer to someone who says that god is in every one of us?“ Außerdem war Polizei da und passte auf ihn auf - Ja, es war wirklich ein Ereignis...
Viel interessanter fand ich aber noch, wie nach der Vorlesung Žižeks Meinungen sich quasi unbewusst in die Diskussion der Leute einschlich. Er beschrieb, wie dreckige Witze eine Form der Vertrauensbildung zwischen Leuten ausüben, weil gerade sie das, was Zensur ist und was er in Anspielung auf einen Witz „The chicken“ nennt, nämlich Höflichkeit und Toleranz, außer Kraft setzen. Das chicken nun existiert auch in der ziemlich offenen heutigen Gesellschaft, nämlich in der völligen Tabuisierung kindlicher Sexualität, worunter sowohl Pädophilie als auch Sexualität unter Kindern verstanden werden soll. Nun haben sich fremde Menschen nach der Vorlesung angefangen, dreckige Witze zu erzählen und dabei als dreckigste Witze eben pädophile Witze erzählt. Damit wurde auf der einen Seite hervorgehoben, dass genau dies das größte Tabu ist und auch, dass man in diesen Witzen auch wieder genau dies aufgreifen sollte, um das chicken zu schlachten. Die Frage ist nur, was die Konsequenz daraus wäre...ein neues chicken oder die Aufgabe der offenen Gesellschaft...? (Und die Tatsache, dass ich diese Witze hier unmöglich aufschreiben kann, unterstreicht nochmal Žižeks These.)
Das war aber nur ein Aspekt seiner Vorlesung. Im Grunde ging es darum, dass das chicken ein Zensurmechanismus ist, um „The big Other“ (fügt man da übrigens "Br" ein, hat man "Big Brother") auszuschalten. Dieses ist eine radikal andere Form des Andersseins, kein „decaffeinated Other“, wie ihn die Kulturwissenschaften benutzen, sondern eine Kategorie, die auch der Psychoanalyse ihre Grenzen aufzeigt. Normalerweise würde die Psychoanalyse nämlich behaupten, dass ein traumatisches Ereignis entweder die Psyche zerstört oder Schutzdichtungen erzwingt, die das verdecken. Er meint aber (in Anlehnung an Catherine Malabou), dass es auch das Szenario gibt, dass eine traumatische Erfahrung (z.B. Alzheimer) ein ganz neues Subjekt erzeugt, das nichts mehr mit dem vorherigen zu tun hat. Was da erzeugt wird, ist „the neighbour“, die extreme Andersheit, die in jedem fremden Menschen ist. Dieser Bereich kann aber nicht hermeneutisch erschlossen werden, weil es gar keine Anhaltspunkte für ein Verständnis desselben gibt. Žižek versuchte dieses Phänomen formal über den Todestrieb als stets arbeitenden identitätsbildenden Prozess zu sehen, hinsichtlich dem „desire always, like in relativity theory, has to be a curve.“
Und gerade, weil es diesen Abgrund gibt, den man nicht erklären kann und weil dieser Abgrund in jeder anderen Person steckt, bringt auch Toleranz und Verständnis nichts. Der Versuch, sich in eine andere Person einzufühlen, fremde Kulturen „zu verstehen“, ihre Bräuche, Tänze, Essen mitzumachen, kann nicht gelingen, weil es eben das Wesen des „neighbour“ ist, nicht verstanden werden zu können. Und genau deshalb ist Toleranz „a liberal trap“ und „censorship“. Es baut eine Barriere zu etwas auf, was da ist und vor dem man schützen will, von dem man aber nicht weiß, was es ist, es ist das „unknown known“ (und das ist eben der Grund, warum Žižek meint, dass die USA den Irak-Krieg verlieren, weil die Demokratisierungsbemühungen unter dem Aspekt der Toleranz nur das Andere, das man nicht sehen will, ausblenden sollen).
Wer die literarische Antwort und Verwirklichung von Žižeks Kritik der Toleranz lesen will, sollte zu Johannes’ Blog gehen. Wer sich gute 20 Minuten schlaue Populärkultur dazu gönnen will, sollte die „Lemmiwinks“-Folge von South Park anschauen, genannt „Todescamp der Toleranz“ (man kann es sich ansehen bei „allsp.com“, 6. Staffel).

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