Nachgängige Traumata
Heute stand die nächste Vorlesung an. Diesmal war es Hans Medick, bekannter Göttinger Historiker und derzeit "Visiting Professor" an dieser Uni. Bei ihm habe ich auch einen Kurs, "The Thirty Years War revisited", und er hat sich eben auf genau diesem Feld als Mikrohistoriker, der Selbstzeugnisse einfacher Zeitgenossen auswertet, einen beachtlichen Namen gemacht.
Er berichtete von seiner Arbeit und deren methodologischen Grundlagen (dieser Vorlesung war nur die erste einer vierteiligen Vorlesungsreihe) und brachte auch einige Beispiele an Selbstzeugnissen.
Worauf ich aber hinaus möchte, ist etwas Anderes. Es ist gewissermaßen sogar mit Žižek verbunden, aber nur lose.
Zu Beginn des 30-jährigen Krieges stand ein Komet. Es gibt ausführliche Berichte über den Kometen von 1618 und viele Beobachter sahen ihn in der Rückschau als göttliches Zeichen für den kurz danach ausbrechenden, verheerenden Krieg. Aber es gibt eben auch viele Personen, die den Kometen schon vor Ausbruch des Krieges als Unstern interpretierten und ein Gottesgericht erwarteten. Der 30-jährige Krieg existierte als Phantasie also bereits in den Köpfen der Leute, bevor er tatsächlich eintrat. Man kann sogar so weit gehen und sagen, dass diese Leute den Krieg mit zu beginnen angefangen haben, weil sie ein Katastrophenszenario schon präformiert hatten und dieses von Ereignissen ausgefüllt werden musste. Es zeigt auch eine hochgradig paranoide Gesellschaft im Jahr 1618, nicht nur, aber besonders paranoisiert durch die Religion.
Das Interessanteste kommt aber noch: Zunächst (20 Jahre lang) las man alle Himmelserscheinungen und Naturphänomene noch als Prodigien und Zeichen des Gottesgerichts, doch nach Hunger, Krieg und Pest hörte das auf und die Leute fingen an, solche Ereignisse einfach nur noch zu registrieren und keine besondere Sache mehr daraus zu machen - das Trauma des Krieges hatte also die Phantasie überformt! Da ein Trauma ja Schutzdichtungen hervorrufen kann, welche dieses verdecken, gibt es hier die bemerkenswerte Situation, dass die Schutzdichtung vor dem Trauma steht und das Trauma dieser Dichtung nachgeht. Aber die Prophylaxe hilft nicht und wird von der Kriegserfahrung als reine Illusion entlarvt.
Die lebenpraktische Konsequenz, die sich daraus ergab, war, dass die Leute ihr Vertrauen in die Religion verloren und die Grenzen zwischen Freunden und Feinden fallen ließen. Da sie sowohl von eigener als auch anderer Seite Mißhandlungen erfahren hatten und die Kirche keine Erklärungsmodelle für das Leid bot, gab es eine Bewegung auch bei den einfachen Bürgern, den Krieg als Religionskrieg für sinnlos zu halten.
Aber es geht noch weiter: Medick wies auf einen Artikel der NY Times hin. In diesem wird beschrieben, wie die irakische Jugend sich von den Religionsführern abwendet, weil deren Erklärungsmodelle keine Deckung mit der enttäuschenden Gewaltwirklichkeit der letzten Jahre herstellen können, ja, sogar das Leid erst bewirken. Es gibt also eine verrückte Parallele zwischen dem Irakkrieg und dem 30-jährigen Krieg.
Verrückt ist sie vor allem, weil die Gewalt dann im Endeffekt eine Säkularisierung bewirken würde, während alle Kommentatoren genau das Gegenteil behaupten (so z.B. auch Žižek). Die nächste Frage, die sich daran anschließt, ist: Würde die Erfahrung des Irakkrieges im Irak dann etwas in Gang setzen, was in Deutschland und Europa nach dem 30-jährigen Krieg geschah, nämlich eine Emanzipation von alten Denkweisen und kulturelle und geistesgeschichtliche Weiterentwicklung? (Ob das im Irak mit den Nachbarn möglich wäre, bleibt doch zu bezweifeln...) Und wie könnte man dann noch gegen die doch so bescheuert anmutenden Meinung vieler "Falken" argumentieren, die behaupten, dass ein Krieg eine Reinigung der Gesellschaft unterstützt? Es ist doch fast unerträglich paradox, zu behaupten, dass man Leute durch den Krieg schicken muss, damit sie kriegsmüde werden und die Meinung an die guten Kräfte des Krieges aufgeben, was wiederum die guten Kräfte des Krieges beweisen würde. Das ist das berühmte "Fighting for peace is like fucking for virginity"-Thema. Oder sind diese Vorstellungen vom Krieg nicht auch gewissermaßen schutzdichtend nachwachsende Hyminis... (das ist der Plural von "Hymen", wie ich gerade herausfand)?
Er berichtete von seiner Arbeit und deren methodologischen Grundlagen (dieser Vorlesung war nur die erste einer vierteiligen Vorlesungsreihe) und brachte auch einige Beispiele an Selbstzeugnissen.
Worauf ich aber hinaus möchte, ist etwas Anderes. Es ist gewissermaßen sogar mit Žižek verbunden, aber nur lose.
Zu Beginn des 30-jährigen Krieges stand ein Komet. Es gibt ausführliche Berichte über den Kometen von 1618 und viele Beobachter sahen ihn in der Rückschau als göttliches Zeichen für den kurz danach ausbrechenden, verheerenden Krieg. Aber es gibt eben auch viele Personen, die den Kometen schon vor Ausbruch des Krieges als Unstern interpretierten und ein Gottesgericht erwarteten. Der 30-jährige Krieg existierte als Phantasie also bereits in den Köpfen der Leute, bevor er tatsächlich eintrat. Man kann sogar so weit gehen und sagen, dass diese Leute den Krieg mit zu beginnen angefangen haben, weil sie ein Katastrophenszenario schon präformiert hatten und dieses von Ereignissen ausgefüllt werden musste. Es zeigt auch eine hochgradig paranoide Gesellschaft im Jahr 1618, nicht nur, aber besonders paranoisiert durch die Religion.
Das Interessanteste kommt aber noch: Zunächst (20 Jahre lang) las man alle Himmelserscheinungen und Naturphänomene noch als Prodigien und Zeichen des Gottesgerichts, doch nach Hunger, Krieg und Pest hörte das auf und die Leute fingen an, solche Ereignisse einfach nur noch zu registrieren und keine besondere Sache mehr daraus zu machen - das Trauma des Krieges hatte also die Phantasie überformt! Da ein Trauma ja Schutzdichtungen hervorrufen kann, welche dieses verdecken, gibt es hier die bemerkenswerte Situation, dass die Schutzdichtung vor dem Trauma steht und das Trauma dieser Dichtung nachgeht. Aber die Prophylaxe hilft nicht und wird von der Kriegserfahrung als reine Illusion entlarvt.
Die lebenpraktische Konsequenz, die sich daraus ergab, war, dass die Leute ihr Vertrauen in die Religion verloren und die Grenzen zwischen Freunden und Feinden fallen ließen. Da sie sowohl von eigener als auch anderer Seite Mißhandlungen erfahren hatten und die Kirche keine Erklärungsmodelle für das Leid bot, gab es eine Bewegung auch bei den einfachen Bürgern, den Krieg als Religionskrieg für sinnlos zu halten.
Aber es geht noch weiter: Medick wies auf einen Artikel der NY Times hin. In diesem wird beschrieben, wie die irakische Jugend sich von den Religionsführern abwendet, weil deren Erklärungsmodelle keine Deckung mit der enttäuschenden Gewaltwirklichkeit der letzten Jahre herstellen können, ja, sogar das Leid erst bewirken. Es gibt also eine verrückte Parallele zwischen dem Irakkrieg und dem 30-jährigen Krieg.
Verrückt ist sie vor allem, weil die Gewalt dann im Endeffekt eine Säkularisierung bewirken würde, während alle Kommentatoren genau das Gegenteil behaupten (so z.B. auch Žižek). Die nächste Frage, die sich daran anschließt, ist: Würde die Erfahrung des Irakkrieges im Irak dann etwas in Gang setzen, was in Deutschland und Europa nach dem 30-jährigen Krieg geschah, nämlich eine Emanzipation von alten Denkweisen und kulturelle und geistesgeschichtliche Weiterentwicklung? (Ob das im Irak mit den Nachbarn möglich wäre, bleibt doch zu bezweifeln...) Und wie könnte man dann noch gegen die doch so bescheuert anmutenden Meinung vieler "Falken" argumentieren, die behaupten, dass ein Krieg eine Reinigung der Gesellschaft unterstützt? Es ist doch fast unerträglich paradox, zu behaupten, dass man Leute durch den Krieg schicken muss, damit sie kriegsmüde werden und die Meinung an die guten Kräfte des Krieges aufgeben, was wiederum die guten Kräfte des Krieges beweisen würde. Das ist das berühmte "Fighting for peace is like fucking for virginity"-Thema. Oder sind diese Vorstellungen vom Krieg nicht auch gewissermaßen schutzdichtend nachwachsende Hyminis... (das ist der Plural von "Hymen", wie ich gerade herausfand)?

